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Dip clock

Dip, digital print, 84,1 x 118,9 cm, Installationsview at Hallesches Tor, clockworkgallery, Berlin, 2013

Dip, digital print, 84,1 x 118,9 cm, Installationsview at Hallesches Tor, clockworkgallery, Berlin, 2013


Auf den Displays der Clock sind rätselhafte Momente der Begegnung zwischen einer Frau und einem Mann festgehalten, die beide aufgrund des gewählten Bildausschnitts anonym und modellhaft bleiben. Die ausgelassene räumliche Verortung und der in den Aufnahmen gewählte Augenblick eines Bewegungsablaufs werfen Fragen über den Kontext auf. Überhaupt gibt das Verhältnis in welchem die beiden Körper angeordnet sind keinen Aufschluss darüber, ob sich die Personen bekannt sind, und falls ja, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Auch nicht, ob das eine Rolle spielt. Die größte Aktivität scheint sich in der weiblichen Hand zu bündeln, die bestimmt das Handgelenk des Anderen umfasst oder anderswo an der Knopfleiste seines Blazers entlangschleicht. So ist quasi ein Schlaglicht auf ein verbindendes Element gerichtet, das formal klar und schnörkellos scheint, und sich doch in das daran anknüpfende Geflecht eines Hintersinns entzieht. Hier beginnt die Geschichte einer Protagonistin deren fiktiven Faden Mirja Reuter aufgenommen hat, um über den Aspekt der Begegnung, die auch eine Berührung ist, vom Begehren zu erzählen. Es drängt sich mitunter die Frage auf, woher der Wunsch der weiblichen Hand rührt, das männliche Handgelenk zu fassen und gleichzeitig auch, ob dieses Handgelenk überhaupt der eigentliche Adressat jener Berührung ist. Der Betrachter steht im öffentlichen Raum und schaut auf die Leuchttafeln und beobachtet. Wenn er sich in Richtung der Auslagen der nahegelegenen Geschäfte des Wohnviertels in Bewegung setzt, erreicht er nach einem kleinen Spaziergang das Schaufenster, in dem Mirja Reuter ihr Spiel mit Subjekt-Objekt-Beziehungen fortschreibt. Hinter der Glasscheibe des Schaukastens befindet sich eine unheimlich anmutende Ansammlung aus Gebrauchsgegenständen, ausrangierten Displays und Objektfragmenten. Wie auf einer surrealistischen Theaterbühne, die von einem Attrappenensemble bevölkert wird, entwickeln die Gegenstände im Schein des künstlichen Lichts ein unerwartetes Eigenleben. Darunter auch ein Paar Damenschuhe, welches halb verborgen entlang eines Vorhangsaums platziert ist, beinahe als wolle es die Flucht ergreifen; vielleicht, um sich dem Präsentationszweck der Auslage zu verweigern. Schweift der Blick weiter in den Arrangements umher, verdichtet sich der Eindruck, dass dies die Objektwelt einer Frauenfigur ist, die gleichwohl selbst in ihrer fragmentierten Darstellung nur als flüchtige Andeutung existiert. Die Dinge an sich sind durch ihre materielle Repräsentation charakterisiert, während die Beziehungszusammenhänge, die diese als begehrenswert herausstellen sich auf einer anderen, visuell nicht sichtbaren Ebene abspielen.
Text von Mika Schmid